Bei einer Aktie entsteht der Preis dadurch, dass jemand kauft und jemand verkauft. Bei einem klassischen Investmentfonds ist das anders: Dort wird der Preis ausgerechnet. Einmal am Tag, nach einem festen Verfahren, ohne dass Angebot und Nachfrage eine Rolle spielen.
Dieser Unterschied erklärt einige Beobachtungen, über die Anlegerinnen und Anleger regelmäßig stolpern — etwa, warum ein Fondskauf am Nachmittag zu einem Preis abgerechnet wird, den man beim Klicken noch gar nicht kannte.
Die Rechnung dahinter
Alle Vermögenswerte des Fonds werden zu einem festgelegten Zeitpunkt bewertet, meist zum Schlusskurs des Bewertungstages. Davon werden Verbindlichkeiten und angefallene Kosten abgezogen. Was übrig bleibt, wird durch die Zahl der ausgegebenen Anteile geteilt. Das Ergebnis ist der Wert eines Anteils.
Die Rechnung ist simpel, ihre Zutaten sind es nicht. Bei Aktien und Staatsanleihen gibt es laufende Marktpreise. Bei Immobilien, Unternehmenskrediten oder selten gehandelten Papieren gibt es Gutachten, Modelle und Annahmen. Genau dort entsteht der Spielraum. Wer verstehen will, wie der Nettoinventarwert eines Fonds berechnet wird, muss deshalb weniger auf die Formel schauen als auf die Bewertungsregeln im Verkaufsprospekt.
Warum Sie den Kaufpreis nicht kennen, wenn Sie kaufen
Orders für klassische Fonds werden zu einem Stichtag gesammelt. Wer vor dem sogenannten Orderannahmeschluss kauft, bekommt den Preis dieses Tages, wer danach kauft, den des nächsten. In beiden Fällen steht der Preis erst fest, wenn die Bewertung fertig ist — also nach dem eigenen Klick.
Das ist kein Fehler, sondern Absicht: Es verhindert, dass jemand mit besserem Wissen über den heutigen Kursverlauf noch schnell zum Preis von gestern einsteigt. Bei börsengehandelten Indexfonds entfällt dieser Mechanismus, weil dort laufend gehandelt wird — und deshalb der Börsenkurs vom rechnerischen Wert abweichen kann.
Wenn Rechnung und Realität auseinandergehen
Kritisch wird es, wenn Vermögenswerte im Bestand sind, die sich nicht schnell verkaufen lassen. Der rechnerische Wert unterstellt, dass die Bewertung erzielbar ist. Wollen viele Anleger gleichzeitig aussteigen, muss der Fonds jedoch tatsächlich verkaufen — und dann zeigt sich, ob das Gutachten hielt.
Aus diesem Grund haben offene Immobilienfonds in Deutschland Mindesthalte- und Kündigungsfristen. Es ist kein Serviceärgernis, sondern die Antwort auf ein strukturelles Problem: tägliche Rückgabe bei Vermögenswerten, die Monate brauchen, um verkauft zu werden.
Derselbe Punkt bei neueren Produkten
Fonds, deren Anteile zusätzlich auf einer Blockchain abgebildet werden, ändern an dieser Rechnung nichts. Der Anteilswert entsteht weiterhin aus Bewertung minus Verbindlichkeiten geteilt durch Anteile. Neu ist nur, dass daneben ein zweiter, laufender Preis existieren kann — der, zu dem gerade jemand einen Anteil abgeben will.
Beide Zahlen sind unterschiedliche Dinge und werden regelmäßig verwechselt. Die Referenzseite On-Chain Finance weist bei solchen Produkten deshalb aus, welche Kennzahl jeweils gemeint ist und mit welchem Stichtag sie geführt wird.
Was daraus für die Praxis folgt
Ein Anteilspreis sagt für sich genommen nichts über die Qualität eines Fonds. Ein Fonds mit einem Anteilswert von 12 Euro ist nicht billiger als einer mit 400 Euro; die Zahl hängt allein davon ab, wie viele Anteile ausgegeben wurden.
Aussagekräftig sind drei andere Angaben: die laufenden Kosten, die Bewertungsregeln für schwer handelbare Positionen und die Rückgabebedingungen. Sie stehen alle im Verkaufsprospekt, meist im hinteren Drittel, und beantworten zusammen die Frage, unter welchen Umständen man tatsächlich an sein Geld kommt.
Häufige Fragen
Warum kenne ich den Kaufpreis beim Fondskauf nicht vorher?
Weil der Anteilswert erst nach dem Bewertungsstichtag berechnet wird. Orders werden bis zu einem Annahmeschluss gesammelt und danach zum Preis dieses Tages abgerechnet. Das verhindert, dass jemand mit Wissen über den Tagesverlauf zum alten Preis einsteigt.
Ist ein Fonds mit niedrigem Anteilspreis günstiger?
Nein. Der Anteilspreis hängt nur davon ab, wie viele Anteile ausgegeben wurden. Für die Kosten zählt die laufende Gebühr in Prozent des Vermögens, nicht die absolute Höhe des Anteilswerts.
Warum haben offene Immobilienfonds Kündigungsfristen?
Weil Immobilien nicht kurzfristig verkäuflich sind, Anteile aber täglich zurückgegeben werden könnten. Mindesthaltedauer und Rückgabefrist sollen verhindern, dass ein Fonds in einer Rückgabewelle unter Zeitdruck verkaufen muss und dabei schlechtere Preise erzielt als bewertet.

