Lewis Carroll hat 1865 eine Erzählung veröffentlicht, deren Gestalten bekannter sind als das Werk selbst. Die Grinsekatze, der verrückte Hutmacher und die Herzkönigin tauchen in Filmen, Musik und Werbung auf, oft ohne dass jemand die Vorlage gelesen hat. Wer sie einmal gesehen hat, vergisst sie nicht so schnell.
Dabei lohnt sich der Blick ins Original. Jede Gestalt in Alice im Wunderland ist ein präzise gebauter Einfall, der eine Regel unserer Welt ganz natürlich auf den Kopf stellt. Der deutsche Volltext in der Übersetzung von Antonie Zimmermann steht bei Projekt Gutenberg frei zur Verfügung.
Kurz zum Hintergrund
Hinter dem Namen Lewis Carroll steckt Charles Lutwidge Dodgson, ein Mathematiker aus Oxford. Der Autor erfand die Geschichte 1862 während einer Bootsfahrt, bei der er drei Schwestern unterhielt. Die mittlere hieß Alice Liddell und wurde zur Titelfigur. Als Autor blieb Dodgson zeitlebens hinter dem Pseudonym zurück.
Das Werk erschien 1865 als *Alice’s Adventures in Wonderland*. Die Fortsetzung *Through the Looking-Glass, and What Alice Found There* folgte 1871 und heißt auf Deutsch *Alice hinter den Spiegeln*. Der Titel des zweiten Bandes verrät das Prinzip: *and what Alice found there*, also was Alice dort fand. Viele Gestalten, die man mit Alice im Wunderland verbindet, stammen erst aus diesem zweiten Band.
Die zwölf wichtigsten Gestalten
1. Alice
Alice ist ein Mädchen von sieben Jahren, neugierig, höflich und von der vorhersehbaren Welt der Erwachsenen gelangweilt. Die Geschichte eines Mädchens namens Alice, mehr braucht es als Ausgangspunkt nicht. Als sie am Flussufer neben ihrer Schwester sitzt, erscheint ihr ein sprechendes Kaninchen ganz natürlich. Neugierig folgt sie ihm.
Ihre Rolle ist die der Vernünftigen. Während alle anderen Unsinn reden, versucht Alice, Regeln zu finden. Genau daran scheitert sie, und darin liegt der Witz der Erzählung.
Bemerkenswert ist, wie oft Alice ihre Größe wechselt. Sie schrumpft, wächst, passt nicht durch Türen. Einen goldenen Schlüssel hält sie in der Hand, doch die Tür in den Garten gehen zu können, bleibt ihr lange verwehrt. Das ist mehr als ein Gag: Ein Kind, das nicht weiß, wie groß es gerade sein soll, ist eine treffende Beschreibung des Erwachsenwerdens.
2. Das weiße Kaninchen
Die erste Gestalt, der Alice begegnet, und der Auslöser der ganzen Abenteuer. Das weiße Kaninchen läuft an ihr vorbei, zieht eine Uhr aus der Westentasche und sagte laut, dass es zu spät sei.
Im Englischen heißt es White Rabbit, und dieser Name ist längst ein Begriff für sich. Das Kaninchen verkörpert die permanente Hetze der Erwachsenenwelt: ständig unter Zeitdruck, ständig ängstlich, immer auf dem Weg zu einem Termin bei der Herzogin oder bei Hofe.
Alice folgt ihm in den tiefen, tiefen Kaninchenbau. Der Fall dauert so lange, dass sie unterwegs Marmeladengläser aus den Regalen nimmt und über ihre Katze nachdenkt. Unten angekommen beginnen die eigentlichen Abenteuer.
3. Die Grinsekatze
Die berühmteste Gestalt der Erzählung, im Original Cheshire Cat. Sie sitzt auf einem Ast, grinst breit und verschwindet nach Belieben, manchmal nur zum Teil, sodass das Grinsen allein zurückbleibt.
Die Grinsekatze ist die einzige, die Alice ernst nimmt und ihr trotzdem nicht hilft. Auf die Frage, welchen Weg sie nehmen solle, sagte sie sinngemäß, das hänge davon ab, wohin Alice wolle. Und wenn ihr das egal sei, sei auch der Weg egal.
Das ist der philosophischste Satz der Erzählung und der Grund, warum diese Katze bis heute gern zitiert wird.
4. Der verrückte Hutmacher
Der Gastgeber der tollen Teegesellschaft, im Englischen Mad Hatter. Bei ihm steht die Zeit still: Es ist für immer sechs Uhr, also ewig Teestunde, weil er sich mit der Zeit persönlich zerstritten hat.
Der verrückte Hutmacher steht für die absurden Regeln, die im Wunderland gelten. Er stellt Alice Rätsel ohne Lösung, unterbricht sie ständig und wechselt alle paar Minuten den Platz am großen Tisch, statt abzuwaschen.
Die Redewendung *mad as a hatter* gab es im Englischen bereits vor dem Buch. Hutmacher arbeiteten damals mit Quecksilber, was zu Nervenschäden führte.
5. Der Märzhase
Der zweite Gastgeber der Teegesellschaft. Auch sein Name geht auf eine Redewendung zurück: *mad as a March hare*, weil Hasen sich im März zur Paarungszeit auffällig benehmen.
Er ist der Lautere der beiden. Er bietet Alice Wein an, obwohl keiner da ist, und erklärt ihr, sie hätte nicht nehmen dürfen, was es gar nicht gibt.
6. Der Siebenschläfer
Die dritte Figur am Tisch, ein Bilch, der die meiste Zeit schläft. Zwischendurch erzählt er eine Geschichte über drei Schwestern, die in einem Sirupbrunnen leben, und schläft mitten im Satz wieder ein.
Die beiden anderen benutzen ihn als Kissen. Beim Prozess am Ende wird er hinausgeworfen, weil er niest.

7. Die Raupe
Sie sitzt auf einem Pilz, raucht eine Wasserpfeife und stellt Alice die Frage, die alles trägt: „Wer bist du?“
Alice kann sie nicht beantworten, weil sie sich seit dem Morgen mehrfach verändert hat. Die Raupe, die sich selbst bald in einen Schmetterling verwandeln wird, findet das wenig bemerkenswert.
Immerhin gibt sie einen praktischen Rat: Die eine Seite des Pilzes lässt Alice wachsen, die andere schrumpfen. Mit einem Stück in jeder Hand kann sie ihre Größe endlich steuern.
8. Die Herzogin, die Köchin und das Ferkel
Im Kapitel „Ferkel und Pfeffer“ landet Alice in einer Küche, in der die Köchin so viel Pfeffer in die Suppe gibt, dass alle niesen. Die Herzogin hält ein schreiendes Baby im Arm, singt ihm ein brutales Wiegenlied und drückt es Alice in die Hand.
Draußen verwandelt sich das Kind in ein Ferkel und läuft davon. Alice stellt trocken fest, dass es als Ferkel eine bessere Figur macht als als Kind.
Die Herzogin zieht ständig Moral aus allem: „Und die Moral davon ist …“ Carroll parodiert damit die erzieherische Kinderliteratur seiner Zeit.
9. Die Herzkönigin
Die Antagonistin des Buches, im Original Queen of Hearts. Ihr Standardsatz lautet „Runter mit dem Kopf!“, und sie ruft ihn bei jeder Gelegenheit.
Die Herzkönigin steht für willkürliche Macht. Auf ihrem Croquetfeld sind die Schläger Flamingos und die Kugeln Igel, die Tore werden von Kartensoldaten gebildet, die sich bewegen, wann sie wollen. Regeln gibt es nur so lange, wie sie der Königin nützen.
Bemerkenswert ist der Schluss: Kein einziges ihrer Todesurteile wird vollstreckt, weil der König sie heimlich begnadigt. Die große Bedrohung entpuppt sich als Theater.
10. Der Herzkönig
Er ist der blasse Gegenpart, ein schwacher Richter beim Prozess um die gestohlenen Kuchen. Sein Beitrag besteht darin, sinnlose Regeln zu erfinden, etwa dass alle über eine Meile Größe den Saal verlassen müssen.
11. Die falsche Schildkröte und der Greif
Zwei Figuren aus dem hinteren Teil des Buches. Die falsche Schildkröte ist ein Wortspiel: *mock turtle soup* war eine billige Suppe aus Kalbsresten, die Schildkrötensuppe nachahmte. Carroll macht daraus ein Tier mit Kalbskopf, das ununterbrochen weint.
Sie erzählt Alice von ihrer Schulzeit im Meer, in der es Fächer wie „Schwimmen in Schönschrift“ gab, und tanzt mit dem Greif das Hummerballett.
12. Bill die Eidechse
Eine kleine Nebenrolle mit großem Wiedererkennungswert. Als Alice im Haus des Kaninchens riesig wird, schicken die anderen Bill durch den Schornstein, um nachzusehen. Ein Tritt von Alice befördert ihn wieder hinaus.
Wie die Erzählung aufgebaut ist
Das Werk hat zwölf Kapitel, und jedes bringt eine neue Begegnung. Alice fällt in den Kaninchenbau, weint einen Tränenpfuhl, gerät an ein Caucus-Rennen ohne Regeln, landet im Haus des Kaninchens, trifft die Raupe, dann die Herzogin, dann die Teegesellschaft, spielt Croquet, hört die Geschichte der falschen Schildkröte und erlebt zum Schluss den Prozess.
Ein roter Faden fehlt bewusst. Das Ganze folgt keiner Handlung, sondern einer Logik des Traums: Alice kam gerade an, und schon geht es weiter. Alles, was sie sehen will, entzieht sich ihr wieder. Genau deshalb funktioniert das Werk als Vorlage so gut, denn jede Verfilmung kann die Reihenfolge neu mischen.
Wer den deutschen Text lesen möchte, fand ihn früher nur in Bibliotheken. Heute steht die Übersetzung von Antonie Zimmermann aus dem Jahr 1869 frei im Netz. Auch das englische Original ist gemeinfrei und frei zugänglich. Der Schlüssel zum Verständnis liegt ohnehin weniger in der Sprache als in den Bildern, die ganz natürlich im Kopf entstehen.

Figuren aus dem zweiten Buch
Viele Gestalten, die man Alice im Wunderland zuordnet, stammen erst aus *Alice hinter den Spiegeln*:
- Humpty Dumpty, das Ei auf der Mauer, das Wörter bedeuten lässt, was es will
- Tweedledum und Tweedledee, zwei dicke Brüder, die sich um eine kaputte Rassel streiten
- Die Weiße Königin, die rückwärts lebt und sich an die kommende Woche erinnert
- Der Jabberwocky, ein Ungeheuer aus einem Gedicht voller erfundener Wörter
Besonders das Gedicht zeigt, wie sehr Carroll mit Sprache gespielt hat. Wer sich für solche Wortspiele interessiert, findet auch bei alltäglichen Alternativen zu abgenutzten Wörtern einiges zu entdecken.
Im zweiten Band ist das Wunderland übrigens ein Schachbrett, und Alice steigt vom Bauern zur Königin auf. Der König und die Königin treten dort als Schachfiguren auf, was dem Ganzen eine Ordnung gibt, die dem ersten Band fehlt.
Warum die Figuren bis heute funktionieren
Carroll hat keine Lehrgeschichte geschrieben. Es gibt keine Moral am Ende, und Alice lernt nichts, außer dass die Welt der Erwachsenen genauso willkürlich ist wie das Wunderland. Das war 1865 eine kleine Sensation.
Genau das macht die Gestalten so haltbar. Sie sind keine Symbole mit fester Bedeutung, sondern Charaktere, die jede Zeit neu deuten kann. Der Hutmacher war mal ein Verrückter, mal ein Außenseiter, mal ein Rebell. Die Grinsekatze wurde vom Rätsel zum Sinnbild für Gelassenheit.
Dazu kommen die Illustrationen von John Tenniel aus der Erstausgabe, die das Bild bis heute prägen. Fast jede Verfilmung orientiert sich daran, auch Adaptionen in ganz anderen Medien, von Comics bis hin zu den großen Klassikern des Animes.
Häufige Fragen
Welche Figuren kommen in Alice im Wunderland vor?
Alice, das weiße Kaninchen, die Grinsekatze, der Hutmacher, der Märzhase, der Siebenschläfer, die Raupe, die Herzogin, die Herzkönigin, der Herzkönig, die falsche Schildkröte und der Greif.
Wer ist die Grinsekatze?
Eine Katze, die verschwinden kann und dabei nur ihr Grinsen zurücklässt. Sie gibt Alice Ratschläge, die keine sind.
Wofür steht der verrückte Hutmacher?
Für die absurden Regeln des Wunderlands. Bei ihm ist ewig Teestunde, weil die Zeit stehen geblieben ist.
Wer ist die Herzkönigin?
Die Herrscherin des Wunderlands, die bei jeder Gelegenheit Hinrichtungen anordnet. Vollstreckt wird keine davon.
Wer war die echte Alice?
Alice Liddell, die Tochter eines Oxforder Dekans. Carroll erzählte ihr die Geschichte 1862 auf einer Bootsfahrt.
Wann erschien das Werk?
1865 unter dem Titel *Alice’s Adventures in Wonderland*. Die Fortsetzung folgte 1871.
Gehören Humpty Dumpty und Tweedledum dazu?
Sie stammen aus dem zweiten Buch, *Alice hinter den Spiegeln*, nicht aus dem ersten.
*Zuletzt aktualisiert: September 2026.*


