Vor dir liegt eine leere Trauerkarte, und dir fällt kein Satz ein. Irgendwann kommt dir dieser eine in den Sinn: Alles hat seine Zeit. Er passt, du schreibst ihn hin, und erst danach fragst du dich, woher er eigentlich kommt.
Die Antwort führt rund 2.300 Jahre zurück, in eine kurze und ziemlich eigenwillige Schrift der Bibel.
Woher der Satz stammt
Er steht im Buch Kohelet, Kapitel 3, Vers 1. Bei Luther trägt es den Titel „Der Prediger Salomo“, griechisch heißt es Ekklesiastes. Die Schrift gehört zur Weisheitsliteratur des Alten Testaments und handelt vom Leben unter Gottes Ordnung.
Luther übersetzt den Vers so:
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.
Die Einheitsübersetzung formuliert es näher am hebräischen Text: Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit. Was danach folgt, ist der berühmte Teil.
Das Zeitgedicht im Wortlaut
In Koh 3,2 bis 3,8 folgen vierzehn Gegensatzpaare. Der Abschnitt wird deshalb Zeitgedicht genannt. In der Lutherbibel 2017 lautet er:
Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.
*Herzen* meint hier umarmen. Die Einheitsübersetzung sagt deshalb: eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen.

Die Reihe beginnt mit Geburt und Tod und endet bei Krieg und Frieden zwischen Völkern. Dazwischen steht erstaunlich Alltägliches aus dem menschlichen Leben: pflanzen, schweigen, zunähen. Auffällig ist, was der Verfasser gerade nicht tut. Er sortiert nicht in Gutes und Böses. Töten steht neben Heilen, Hassen neben Lieben, ohne dass er das eine empfiehlt und das andere verbietet. Zwischen Gutem und Bösem zu unterscheiden überlässt er an dieser Stelle den Lesern.
Was der Text sagen will
Das Zeitgedicht klingt beim ersten Lesen tröstlich, und genau so wird es meist zitiert: Warte ab, irgendwann wird es besser. Beim zweiten Lesen wird es sperriger.
Denn in Vers 9 fragt der Prediger: Was hat der Mensch nun davon, dass er sich abmüht? Die evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck ordnet das Kapitel in einer Auslegung zu Kohelet 3 in den Zusammenhang der ganzen Schrift ein. Deren Leitwort lautet *hebel*, meist mit Windhauch übersetzt. Die Einheitsübersetzung beginnt entsprechend: Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch. Bei Luther steht dort „es ist alles ganz eitel“.
Der Mensch ist vergänglich, und vergängliche Menschen ändern am Lauf der Welt wenig. Schon in Koh 1,9 heißt es, es geschehe nichts Neues unter der Sonne. Was einmal war, geschieht wieder, so wie die Sonne jeden Morgen denselben Weg nimmt und die Natur denselben Wechsel durchläuft. Diese Sicht auf das Leben zieht sich durch den ganzen Text: Der Natur ist es gleich, was ein einzelnes Leben plant.
Der entscheidende Satz kommt in Koh 3,11:
Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut.
Damit stehen zwei Dinge nebeneinander. Gott hat jedem Geschehen seine Stunde gegeben, und was Gott tut, kann der Mensch nicht durchschauen. Wissen lässt sich sein Plan also nicht, nur ahnen. Die Ewigkeit in den Herzen erklärt die Unruhe: Wir spüren eine Ordnung und erfahren trotzdem nie sicher, ob gerade die rechte Zeit zum Handeln ist oder die zum Warten.
Der Rat am Ende ist deshalb kein großer Trost, sondern nüchtern, und er wiederholt sich mehrfach: Iss dein Brot, trink deinen Wein, freu dich an deiner Arbeit und an den guten Tagen, die Gott dir gegeben hat. Den Wechsel der Zeiten machst du ohnehin nicht. Was der Mensch tun kann, ist, die Tage zu nehmen, wie sie kommen, und das eigene Leben als Gabe Gottes zu betrachten. Wer das einmal erfahren hat, liest das Zeitgedicht anders.
Wer war Kohelet?
Der Text beginnt mit den Worten „Worte Kohelets, des Davidssohns, des Königs in Jerusalem“. Das klang lange nach Salomo, daher Luthers Titel Prediger Salomo.
Die Forschung sieht das heute anders. Sprache und Gedankenwelt weisen in das 3. Jahrhundert vor Christus, also lange nach Salomo. Der Verweis auf den König ist eine literarische Rolle.
*Kohelet* ist ohnehin kein Name, sondern eine Funktion. Das hebräische Wort hängt mit „versammeln“ zusammen und meint ungefähr den, der vor einer Versammlung spricht. Daraus wurde im Griechischen Ekklesiastes und bei Luther der Prediger.

Wie der Satz heute verwendet wird
Der Spruch hat sich längst von seiner Quelle gelöst. Wer ihn heute im Leben benutzt, meint selten Gott und fast nie das Alte Testament.
- Auf Trauerkarten. Die häufigste Verwendung. Der Satz nennt den Tod, ohne ihn auszusprechen, und wertet nicht.
- Als Geduldsformel. Gemeint ist dann: Dräng nicht, dafür kommt die passende Zeit noch.
- Als Trost. Nach Trennungen, Kündigungen oder Umzügen. Auch diese Phase im Leben endet.
- Als Ausrede. Manchmal heißt der Satz schlicht, dass jemand etwas aufschiebt.
- In der Popmusik. Pete Seeger schrieb 1959 „Turn! Turn! Turn!“, fast wortgleich nach dem Zeitgedicht. Die Byrds machten daraus 1965 einen Nummer-eins-Hit.
Auf einer Trauerkarte wirkt der Spruch gut, solange er allein steht. Zusammen mit Formeln wie „das Leben geht weiter“ klingt er schnell abgeklärt. Wer eine wärmere Formulierung sucht, findet im Beitrag mit Sprüchen über den Stolz auf die eigene Tochter persönlichere Beispiele, und für frohe Anlässe im Leben passen die Glückwünsche zum 80. Geburtstag.
Wie viel Zeit einem Menschen im Jahr überhaupt zur Verfügung steht, lässt sich erstaunlich genau beziffern. Der Beitrag dazu, wie viele Stunden ein Jahr hat, rechnet es vor.
Häufige Fragen
Woher stammt der Spruch „Alles hat seine Zeit“?
Aus dem Buch Kohelet im Alten Testament, Kapitel 3, Vers 1. Bei Luther heißt das Buch „Der Prediger Salomo“.
Was bedeutet „Alles hat seine Zeit“?
Dass jedes Geschehen seine bestimmte Zeit hat und der Mensch diesen Wechsel nicht steuert. Je nach Situation ist der Satz Trost, Geduldsformel oder nüchterne Feststellung.
Was steht in Kohelet 3?
Der Eröffnungssatz und danach 14 Gegensatzpaare, vom Geborenwerden und Sterben bis zu Streit und Frieden. Ab Vers 9 folgt die Deutung.
Wer war Kohelet?
Kein Name, sondern eine Rolle: der Sprecher vor einer Versammlung. Der Text gibt sich als Werk Salomos, entstand aber vermutlich erst im 3. Jahrhundert vor Christus.
Welche Gegensatzpaare nennt das Zeitgedicht?
Vierzehn, darunter pflanzen und ausreißen, weinen und lachen, schweigen und reden, lieben und hassen.
Passt der Spruch auf eine Trauerkarte?
Ja, das ist seine häufigste Verwendung. Er benennt den Tod, ohne hart zu klingen. Besser allein setzen als mit weiteren Formeln kombinieren.
Was sagt die Stelle über Geduld?
Dass es für jedes Vorhaben eine bestimmte Zeit gibt, der Mensch sie aber nicht kennt. Handeln und Abwarten sind beide möglich, nur die rechte Zeit lässt sich nicht erzwingen.
*Zuletzt aktualisiert: September 2026.*

