Flamenco verbindet Gesang, Tanz und Gitarrenspiel. Die Kunstform entstand in Andalusien, seit 2010 zählt der Flamenco zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Wer dabei vor allem an Rüschenkleider denkt, übersieht etwas: Im Mittelpunkt steht meist eine Stimme.
Das Wort selbst gibt Rätsel auf. Auf Spanisch bedeutet es auch „flämisch“ und „Flamingo“, eine dritte Deutung führt es auf einen arabischen Ausdruck für umherziehende Bauern zurück. Belegt ist keine der Theorien, und wann die Musik zum ersten Mal so bezeichnet wurde, ist ebenfalls unklar.
Woher kommt der Flamenco?
Die Geschichte des Flamenco lässt sich nicht an einem Datum festmachen. Er entstand über Generationen im Süden Spaniens, vor allem in den andalusischen Provinzen Cádiz, Sevilla und Málaga. Bis heute ist das die Region, in der die Kultur des Flamencos am dichtesten gelebt wird. Wo die drei Provinzen liegen, zeigt die Übersicht zu Stadt und Provinz in Spanien.
Drei kulturelle Strömungen gelten als prägend:
- Gitanos: So werden die Roma bezeichnet, die im 15. Jahrhundert nach Spanien kamen. Ihre Familien gaben Lieder und Rhythmen mündlich weiter, manche Dynastien in Jerez oder Triana stellen bis heute Sänger und Tänzer.
- Maurische Einflüsse: Rund 800 Jahre arabischer Herrschaft (711–1492) prägten Melodik und Verzierungen. Man hört das an den gedehnten Silben und der Wiederholung einzelner Töne beim Singen.
- Andalusische Volksmusik: Regionale Tänze wie der Fandango und die Lieder der Bergleute lieferten Melodien und Takte, auf die spätere Generationen zurückgriffen.
Jüdische und byzantinische Einflüsse werden ebenfalls genannt, sind aber schwer nachzuweisen. Aus der Frühzeit gibt es kaum Schriftliches, die historischen Belege setzen erst Ende des 18. Jahrhunderts ein. Viele Erzählungen über die Anfänge lassen sich deshalb historisch nicht prüfen.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wanderte die Musik in die Cafés cantantes. In diesen Lokalen, etwa in Jerez de la Frontera oder im Café de Chinitas in Málaga, traten erstmals namentlich bekannte Künstler gegen Eintritt auf. Dort bekamen Soleá und Seguiriya ihre bis heute gültige Gestalt. Die Tänzerin Carmen Amaya trug diese Kunst später auf internationale Bühnen, ab 1941 tanzte sie in den USA. Heute hat auch Madrid zahlreiche Tablaos, Lokale mit kleiner Flamenco-Bühne.
Die drei Elemente des Flamenco: Cante, Toque, Baile
Die UNESCO beschreibt die Kunst in ihrem Eintrag zum Flamenco als Einheit aus Musik, Tanz und Gesang. Im Ausland kennt man vor allem den Tanz. In Andalusien ist er ein Teil von dreien, und nach alter Tradition folgt die Tänzerin dem Sänger.
Der Gesang
Der Gesang, Cante genannt, ist für viele Aficionados das Wichtigste. Der Sänger, der Cantaor, singt meist im Sitzen und ohne Chor. Ursprünglich kam er ganz ohne Instrument aus, man spricht dann von „a palo seco“. Die ernsten, schweren Stile fasst man unter dem Begriff Cante jondo zusammen, „tiefer Gesang“. Die Strophen handeln oft von Verlust und Verfolgung und haben selten mehr als vier Zeilen.
Das Gitarrenspiel
Die Flamencogitarre ist leichter gebaut als eine klassische Konzertgitarre und klingt perkussiver. Ursprünglich diente sie nur als Begleitung, die musikalische Führung lag bei der Stimme. Erst mit dem Gitarristen Paco de Lucía (1947–2014) wurde das Instrument zur Solostimme. Er holte ab den 1970er-Jahren Jazz und brasilianische Einflüsse in sein Spiel.
Der Tanz
Der Flamenco-Tanz lebt vom Gegensatz zwischen ruhigem Oberkörper und schneller Fußarbeit, dem Zapateado. Arme und Hände führen langsame, runde Bewegungen aus. Kastagnetten werden im traditionellen Flamenco-Tanz selten verwendet. Stark verbreitet sind sie bei der Sevillana und in der Escuela bolera, dem klassischen spanischen Bühnentanz. Dazu kommen die Palmas, rhythmisches Klatschen, das oft von den Umstehenden übernommen wird.
Die wichtigsten Palos und ihr Compás
Ein Palo ist eine Stilfamilie des Flamenco. Je nach Zählung gibt es mehrere Dutzend davon, und die unterschiedlichen Palos trennen Rhythmus und Tonart, teils auch die traditionellen Texte. Den rhythmischen Rahmen bildet der Compás, ein fester Zyklus aus Schlägen mit eigenen Betonungen. Viele Formen zählen in einem Kreis von zwölf Zählzeiten.
| Palo | Compás | Charakter | Hochburg |
|---|---|---|---|
| Soleá | 12 Zählzeiten, Akzente auf 3, 6, 8, 10, 12 | ernst, getragen, „Mutter“ vieler Palos | Triana, Alcalá |
| Seguiriya | 12 Zählzeiten in fünf ungleichen Schlägen (2-2-3-3-2) | schwerste Klage, Kern des tiefen Gesangs | Jerez, Cádiz |
| Bulería | 12 Zählzeiten, Akzente wie die Soleá, aber deutlich schneller | ausgelassen, spöttisch, viel Improvisation | Jerez |
| Alegrías | 12 Zählzeiten wie die Soleá, in Dur | hell, fröhlich | Cádiz |
| Tangos | gerader Vierertakt | erdig, gut tanzbar | Cádiz, Triana, Granada |
| Fandango | Dreiertakt | volkstümlich, viele lokale Varianten | Huelva, Málaga |

Hat man den Compás der Soleá einmal mitgeklatscht, hört man ihn in der Bulería und den Alegrías wieder. Bei der Seguiriya klappt das anfangs kaum, ihre Schläge sind ungleich lang.
Flamenco ansehen: Film und Festivals
Carlos Sauras „Flamenco“ (1995)
Wer erst einmal zuschauen will, beginnt am besten mit dem Film „Flamenco“ von Carlos Saura. Kameramann Vittorio Storaro filmte die Künstler vor schlichten Kulissen und ohne Publikum. Zu sehen sind unter anderem Paco de Lucía, Manolo Sanlúcar, Enrique Morente, José Mercé, Farruco und Joaquín Cortés. Jede Szene gehört einem anderen Palo. So hört man die Unterschiede direkt hintereinander. Saura legte 2010 mit „Flamenco, Flamenco“ nach.
Festivals in Andalusien und Murcia
- Bienal de Flamenco in Sevilla: seit 1980, alle zwei Jahre, verteilt auf die Theater der Stadt. Die Preise heißen Giraldillos.
- Festival Internacional del Cante de las Minas in La Unión: seit 1961 jeden Sommer in der Bergbaustadt bei Cartagena (Murcia). Im Zentrum stehen die Bergarbeiterlieder Taranta, Cartagenera und Minera, der Hauptpreis heißt Lámpara Minera.
Kleiner und näher dran sind die Peñas flamencas, Vereine in ganz Spanien mit Abenden ohne Bühnentechnik. Für eine Reise im Frühjahr spricht das Wetter: Málaga kommt im April laut ADAC auf durchschnittlich 17 °C, mehr dazu unter wo es im April warm ist.
Flamenco lernen in Deutschland
Mit dem Flamenco-Tanz anfangen kann man in jedem Alter, viele Kurse richten sich an Erwachsene ohne Vorkenntnisse. Angebote gibt es bei Tanzschulen und kulturellen Vereinen, manchmal auch an Volkshochschulen, die meisten in größeren Städten. Am schnellsten findet man sie über die Suche nach „Flamencoschule“ plus Wohnort.

Vor der Anmeldung lohnt ein kurzer Check:
- Probestunde: Eine Schule, die keine Probestunde anbietet, ist ein Warnsignal. Erst im Raum merkt man, ob Lehrkraft und Tempo passen.
- Gruppengröße: Fehler in der Fußarbeit sieht die Lehrkraft nur, wenn die Gruppe überschaubar bleibt. In vollen Sälen tanzt man Fehler monatelang mit.
- Boden: Ein Holz- oder Schwingboden schont Knie und Gelenke. Auf Fliesen oder Beton wird der Zapateado zur Belastung.
- Schuhe: Flamencoschuhe haben Nägel in Spitze und Absatz, die den Klang erzeugen. Für die ersten Stunden reichen meist feste Schuhe mit stabilem Absatz. Wer mit dem Kauf wartet, bis klar ist, dass er dabeibleibt, spart Geld.
- Rock: Die Falda ist ein weiter, schwingender Probenrock, mit dem Tänzerinnen Drehungen und Handbewegungen üben. Männer trainieren in Hose und Schuhen mit Absatz.
- Compás: Ein guter Kurs erklärt den Rhythmus und lässt die Gruppe Palmas klatschen. Reine Schrittfolgen ohne Zählzeiten bringen auf Dauer wenig.
Wer zu Hause Aufnahmen mit Stimme und Gitarre hört, findet sich im Kurs schneller zurecht. In vielen Anfängerkursen stehen zuerst Sevillanas oder Tangos auf dem Plan, weil ihr Takt leichter zu fassen ist als eine Bulería.
Häufige Fragen zum Flamenco
Was bedeutet „Olé“? Ein Zuruf der Anerkennung, den Publikum und Mitmusiker spontan geben. Zusammen mit anderen Rufen heißt das Jaleo.
Muss man Spanisch können? Nein. Für die Liedtexte hilft die spanische Sprache, für den Tanz reichen die Fachbegriffe aus dem Kurs.
Was ist Nuevo Flamenco? Eine Richtung ab den 1980er-Jahren, die die alte Tradition mit Pop, Jazz und Rock verbindet. Als Wegbereiter gilt das Album „La leyenda del tiempo“ (1979) von Camarón de la Isla, bekannt wurde später etwa die Gruppe Ketama.

